Vom AWO-Lesefreund zum "ehrenamtlichen Großvater" - Seit neun Jahren unterstützt Ulrich Meyer sozial benachteiligte Kinder

„Mir ist es in meinem Leben bisher eigentlich immer gut gegangen, ich habe viel Glück gehabt“, sagt Ulrich Meyer. Von diesem Glück wollte er nach seiner Pensionierung etwas abgeben. Da kam eine Anzeige der AWO in der Bamberger Tageszeitung genau richtig: „Lesefreunde gesucht!“

Rund neun Jahre ist es jetzt her, dass Meyer die Einführungs-Schulung der Lesefreunde Bamberg besucht und kurze Zeit später in einem Kindergarten im Stadtteil Gereuth seinen ersten Einsatz-Ort gefunden hat. „Ich wollte dort helfen, wo wirklich Hilfe gebraucht wird“, so Meyer, der sich anfangs mit ganz neuen Erfahrungen auseinandersetzen musste: „Ich habe Kinder aus Familien kennengelernt, in denen es kein einziges Buch gab. Nicht einmal ein Telefonbuch.“ 

Seitdem kommt der heute 73-jährige ehemalige Professor für Volkswirtschaftslehre, der im Kindergarten von allen nur „Ulli“ genannt wird, zweimal pro Woche in die Einrichtung. Zunächst in den Hort zu den Schulkindern, später in den Kindergarten. Hauptsächlich zum gemeinsamen Lesen. Aber auch Spielen kommt nicht zu kurz. „Zuhören ist für viele Kinder anstrengend. Wenn die Konzentration nachlässt, kann man auch mal was Wildes machen.“ Dann stehen Fangen und Verstecken spielen auf dem Programm oder auch Papierflieger basteln und ein einfaches Gesellschaftsspiel.

Bilderbücher und Memory

Im Kindergarten lernt Meyer eines Tages auch die kleine My kennen. Sie war unter den Kindern, denen er Bilderbücher vorliest. „Das Mädchen war immer lieb und hat keinerlei Probleme gemacht“, erinnert sich Meyer. Doch schon bald habe er festgestellt, dass sie sich anders als die anderen Kinder verhält. „Obwohl sie schon längere Zeit im Kindergarten war, hat My nie gesprochen und in den Vorlesebüchern wollte sie immer nur die Seiten umblättern.“

Er erkennt: My, die aus einer vietnamesischen Familie stammt, versteht kaum ein Wort Deutsch. Anscheinend hatte sie sich jedoch mit diesem Zustand gut arrangiert und war einfach immer den anderen Kindern gefolgt. „Heute gibt es in den Kindergärten viele Kinder, die kaum ein Wort Deutsch sprechen“, so Meyer. Vor sieben Jahren sei das jedoch noch selten gewesen.

„Ab diesem Zeitpunkt habe ich, wenn My dabei war, möglichst viel Memory gespielt. Das ist meine Methode, den Kindern Vokabeln beizubringen“, erzählt Meyer. Nach kurzer Zeit hat My sich dann auch manchmal getraut, etwas zu sagen. Vorsichtig nahm Meyer Kontakt zu den Eltern des Mädchens auf. Von da an besuchte er die Familie auch Zuhause und las My und ihrem jüngeren Bruder Cao zur Sprachförderung aus Bilderbüchern vor.

Die Eltern der beiden, die sich nur sehr eingeschränkt auf Deutsch verständigen können, unterstützte er unter anderem bei Arztbesuchen und  Schulangelegenheiten. Seine Versuche, auch die Eltern zum besseren Erlernen der deutschen Sprache zu motivieren, schlugen fehl. Deshalb konzentrierte er seine ehrenamtliche Unterstützung auf die beiden Kinder. 

„Tief in mir drin bin ich selbst noch ein bisschen Kind“

 Zusammen mit seiner Frau organisiert Meyer Ausflüge in den Zoo, Theater- und Konzertbesuche, Radtouren oder Tretbootfahren mit My und Cao. Besonders gut in Erinnerung ist ihm der gemeinsame Bau einer Hütte in der vom Verein Chapeau Claque organisierten „Hüttenstadt“ in Bamberg. Drei Wochen lang hat er mit den Kindern jeden Tag auf der Jahn-Wiese gesägt, gehämmert und gebastelt. „Tief in mir drin bin ich selbst noch ein bisschen Kind“, sagt Meyer. „Deshalb habe ich bei allem, was ich mit den Kindern mache, auch selbst viel Spaß.“

Sinnvolle Arbeit

Inzwischen ist My zehn Jahre alt und besucht als eines von nur zwei  Kindern aus ihrer Grundschulklasse das Gymnasium. „Wenn My nicht so viel Förderung in ihrer Grundschulzeit erhalten hätte, dann wäre an einen Wechsel aufs Gymnasium nicht zu denken gewesen“, so Meyer. Und auch Cao, der die dritte Klasse der Grundschule besucht, spricht inzwischen gut deutsch.

Diese Erfolge zeigen, dass die ehrenamtliche Arbeit mit Kindern Sinn macht. „Es ist erwiesen, dass Kinder wie My und Cao aufgrund ihrer Herkunft in unserem Land schlechte Perspektiven hinsichtlich Bildung und Beruf haben“, sagt Meyer. „Es zu schaffen, nur ein einziges Kind aus dieser Entwicklung herauszuholen, ist bereits ein Erfolg.“

Meyer hat My und Cao gewissermaßen als Enkelkinder „adoptiert“, auch wenn dies offiziell natürlich nicht möglich ist. Als My aufs Gymnasium kam, habe er erstmals überlegt: „Lebe ich noch neun Jahre?“. Denn ohne Unterstützung werde das Mädchen seiner Meinung nach den Weg bis zum Abitur nur schwer schaffen. Die Schule selbst biete einfach zu wenige Fördermöglichkeiten.

Die Lesefreunde waren die richtige Wahl

„Es gibt viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich sozial zu engagieren“, sagt Meyer. „Kinder mag ich einfach gerne. Das merken sie und mögen mich auch.  Deshalb habe ich mit der Arbeit als Lesefreund die richtige Wahl getroffen.“ Seine Söhne finden es gut, dass Meyer sich engagiert. Ein Sohn ist selbst mit einer Vietnamesin verheiratet, was Meyer den Kontakt zu der Familie von My und Cao erleichtert hatte.

Er müsse aber aufpassen, so Meyer, dass er „es nicht übertreibt“. Denn neben seiner Zeit als ehrenamtlicher Großvater für die beiden vietnamesischen Kinder und dem Vorlesen im Kindergarten bringt Meyer auch noch bei dem Projekt „Kleine Entdecker“ Vorschulkindern spielerisch naturwissenschaftliche Fächer näher und unterstützt zudem erwachsene Flüchtlinge durch Deutsch-Unterricht, bei Behördengängen und Ähnlichem. „Da bleibt im Haushalt schon öfter mal was liegen“, sagt Meyer. Dennoch sei er mit seinen Ehrenämtern sehr zufrieden: „Die Freude, anderen Menschen etwas von meinem Glück abzugeben, ist selbst wieder neues Glück für mich.“

 

   

  • Die Bamberger Lesefreunde

Basis des Projektes „Bamberger Lesefreunde“ ist die Sprach- und Leseförderung von Kindern bis zu einem Alter von 14 Jahren. Dabei steht die Förderung ihrer sprachlichen Entwicklung im Vordergrund. Darüber hinaus soll ihr Interesse an Büchern geweckt werden. Das Projekt wurde 2009 auf ehrenamtlicher Basis ins Leben gerufen und wird seit Oktober 2010 unter der Trägerschaft des Migrationssozialdienstes der AWO Bamberg in Kooperation mit dem Migranten- und Integrationsbeirat der Stadt Bamberg durchgeführt. Gefördert werden die „Bamberger Lesefreunde“ von der Stadt Bamberg. Fachliche Unterstützung erhält das Projekt weiterhin von dem ehrenamtlich tätigen Arbeitskreis „Bamberger Lesefreunde“ und der Stadtbücherei Bamberg.

Wollen Sie auch Lesefreund werden? Dann wenden Sie sich jederzeit gerne an Frau Cornelia Greuling-Vielreicher (Telefon: 0951/917009 -36 oder -37), die das Projekt betreut. Weitere Informationen finden Sie auch hier.

 

  • Ehrenamtskoordination Asyl und Patenprojekt

Viele Zugewanderte empfinden es als schwierig in Deutschland Fuß zu fassen. Um ihnen die Integration zu erleichtern, unterstützen zahlreiche Ehrenamtliche Alleinstehende und Familien in verschiedenen Bereichen. Manche bedürfen einer zusätzlichen Deutschförderung, benötigen Hilfestellung bei behördlichen und gesundheitlichen Angelegenheiten oder suchen nach Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung. Einige Zugewanderte wünschen sich auch lediglich Kontakt zu Ansässigen, um die deutsche Kultur, die Sprache sowie die Gesellschaft besser zu verstehen und kennenzulernen. Nur durch ehrenamtliches Engagement ist eine gelingende Integration von Migrantinnen und Migranten möglich. Der AWO Migrationssozialdienst bietet in verschiedenen Projekten die Möglichkeit, Hilfesuchende und Ehrenamtliche direkt zu vermitteln.

Wenn sie ebenfalls Migrantinnen und Migranten auf irgendeine Weise unterstützen möchten, wenden Sie sich gerne an Frau Ina Krause (Telefon: 0151/27645215), die das „Patenprojekt“ sowie die „Ehrenamtskoordination Asyl“ betreut. Weitere Informationen finden Sie hier.